
BIODIVERSITÄT | von Ute Stumm
Hochsommer im Wildblumensaum
Bei Säumen müssen wir lernen über Ordnung und Sauberkeit hinauszudenken
Wie jedes Jahr ist die Hochzeit der Blütenpracht mit ihren bunten Farben und zahlreichen Blütenformen vorbei. Der heiße Juni mit seinen Rekordtemperaturen hat in vielen Fällen die Blütezeit zusätzlich verkürzt. Doch nun beginnt eine weitere, sehr wichtige Phase für Wildblumensäume.

Foto: bunter Wildblumensaum
Vogelfutter aus eigenem Anbau – Samen

Das Echte Leinkraut blüht erst später im Sommer - wie hier im Wildblumensaum am Jungfernstieg
Auch wenn die bunten Blüten unser Herz erfreuen, verfolgen Pflanzen mit ihrer Blüte ein anderes Ziel. Äpfel tun es, Kirschen tun es, Eichen und Buchen ebenfalls. Und unsere heimischen Wildpflanzen genauso.
In den befruchteten Blüten entstehen die Samen der jeweiligen Art und damit die nächste Generation der Pflanzen. So sichern sie ihren Fortbestand.
Samen können jedoch noch viel mehr. Sie sind eine wichtige Nahrungsgrundlage für zahlreiche Tiere. Diese Phase könnte man deshalb auch „Vogelfutter aus eigenem Anbau“ nennen.
Doch auch wir und unsere Gärten profitieren von den Samen. Sommerliche Hitze und Trockenheit können selbst robuste Pflanzungen beeinträchtigen. Die im Boden vorhandenen Samen sorgen jedoch dafür, dass sich Lücken oft ganz von selbst wieder schließen. Viele von uns haben schon beobachtet, wie schnell sich scheinbar verbrannte Flächen nach einem Regen wieder begrünen.

Foto: Wildblumensaum in der Nicolaistraße - im Vergleich zur gemähten Fläche
Jetzt ist Geduld gefragt
Was wir jetzt alle brauchen, ist Geduld – und die Entschlossenheit, die Rosenschere in der Schublade zu lassen. Ein sommerlicher Rückschnitt wäre für einen Wildblumensaum der falsche Weg.
Die Pflanzen bieten nicht nur Nahrung, sondern auch Rückzugsorte für zahlreiche Lebewesen. Sie dienen als Brutstätten, Verstecke und Überwinterungsquartiere für viele Insektenarten.
Schmetterlinge legen ihre Eier an Raupenfutterpflanzen wie Gräsern oder Brennnesseln ab. Einige Wildbienen nutzen das Mark abgestorbener oder markhaltiger Stängel, um darin ihre Brutzellen anzulegen.
Auch wenn wir gelernt haben, dass ein Schnitt nach der ersten Blüte – der sogenannte Remontierschnitt – einen zweiten Flor fördern kann, sollten Wildblumensäume möglichst erst im Frühjahr zurückgeschnitten werden. Fortgeschrittene Naturgärtnerinnen und Naturgärtner lassen einzelne Bereiche sogar zwei oder drei Jahre ungeschnitten stehen.

Wildbienen auf Wilder Möhre im Wildblumensaum Nicolaistraße
Zeit für Vorfreude auf das nächste Gartenjahr
Genießen wir also weiterhin die Tiere, die sich in unseren Gärten tummeln, und beobachten wir das Leben im Saum. Vielleicht bleibt auch etwas Zeit, um in den Katalogen der Blumenzwiebelanbieter zu stöbern. Bei vielen Produzenten können Frühjahrsblüher bereits ab August bestellt werden.
Mit Krokussen, Wildtulpen, Blausternen und anderen Frühblühern sorgen wir schon heute dafür, dass Wildbienen und Hummeln im kommenden Frühjahr ausreichend Pollen und Nektar finden.
Naturgärten müssen nicht immer aufgeräumt aussehen. Oft entsteht die größte Artenvielfalt genau dort, wo wir der Natur Zeit geben, ihren eigenen Rhythmus zu leben.

Foto: Mauerbiene auf einer Wildtulpe (Tulipa tarda)






